SZ vom 30./31.Dezember 2000/Neujahr 2001

Silvester - Zum so genannten Millennium vor einem Jahr war die ganze Welt ein Feuerwerk. Zum anstehenden Jahreswechsel dürften die Spektakel wieder etwas kleiner ausfallen. Und es gibt viele Gegenden, wo den Menschen das Geld für Raketen und Böller völlig fehlt, in Afrika etwa. Auch in Lateinamerika leben Millionen Menschen in Armut, aber ihr Silvester-Feuerwerk wollen sie sich dennoch nicht nehmen lassen.

Lautstarker Gesetzesbruch

Feuerwerksverbote werden in Lateinamerika genüsslich missachtet

Von Eva Karnofsky

"Brot statt Böller" schlugen wohlmeinende Entwicklungshilfe-Organisationen vor einigen Jahren regelmäßig zu Silvester vor. Die Deutschen sollten lieber für die Dritte Welt spenden, anstatt ihr Geld in Form von Raketen zur Jahreswende in die Luft zu jagen. In Südamerika kommt niemand auf die Idee, auf die Knallerei am 31. Dezember zu verzichten, um die Pesos den Armen zuzustecken. Ob in Bogota, Buenos Aires, Lima oder Quito - Silvester ohne Feuerwerk ist undenkbar. Schon am Heiligen Abend wird das Weihnachtsfest mit ausgiebigem Feuerwerk begrüßt.

In der kolumbianischen Hauptstadt Bogota wurde am ersten Weihnachtstag und an Neujahr regelmäßig der Flughafen in den Morgenstunden geschlossen, bis sich die Rauchwolke verzogen hatte, die die Bürger außer mit Raketen und Knallern auch mit Schießpulver produziert hatten. Schießpulver war das Feuerwerk der armen Leute, bis der Bürgermeister 1996 für zwei Jahre die Verwendung des Krawallzeugs wegen der damit verbundenen Gefahren untersagte. Inzwischen ist das Verbot wieder aufgehoben, doch die Stadt versucht, den Missbrauch einzudämmen. Auf verschiedenen Plätzen der Stadt entzünden in diesem Jahr Pyrotechniker das Pulver, sodass die Bürger ihren Spaß haben, ohne ihre Gesundheit zu gefährden. Gut möglich aber, dass am Neujahrsmorgen der Flughafen wieder schließen muss.

Im peruanischen Lima brannte zur Jahrtausendwende der Großmarkt ab, ein Jahr zuvor traf es den ehemaligen Schmuggelmarkt mit seinen Ständen unter Plastikplanen hinter dem Präsidentenpalast. In den mehr als 50 Armen-Vorstädten Limas mit ihren Hütten aus Sperrholz oder Strohmatten wird der letzte Sol in Feuerwerk oder Pulver umgesetzt, und so manche Hütte übersteht die Silvesternacht nicht.

Allein von den drei Millionen Einwohnern im Zentrum von Buenos Aires finden sich jedes Jahr rund 400 in der Silvesternacht in den Krankenhäusern wieder, die sich längst darauf eingestellt haben, den Neujahrsmorgen mit der Verarztung von Verbrennungen zu verbringen. Einige Stadtväter der argentinischen Hauptstadt wollen das Silvesterfeuerwerk deshalb künftig verbieten. Doch auf viel Gegenliebe stieß der Vorschlag nicht, die meisten Stadtverordneten sind dagegen. Sie befürchten nicht nur, dass ein Produktionsverbot die illegale Herstellung von Feuerwerkskörpern fördern würde, und die seien dann noch gefährlicher als die im Handel erhältlichen Raketen. Die Lokalpolitiker kennen auch ihre Mitbürger: Für die Portenos, die Menschen von Buenos Aires, kommt ein Verbot der Aufforderung gleich, dagegen zu verstoßen. Doch vor allem argumentieren die Verbotsgegner, dass das Feuerwerk fester Bestandteil der Kultur ihrer Stadt geworden sei, in die man nicht eingreifen dürfe. So hat der Bürgermeister versprochen, im nächsten Jahr eine Kampagne zur Aufklärung über die Gefahren der Böller zu starten. "Feuerwerk kann dich ein Auge kosten", sollen die Hauptstädter rechtzeitig gewarnt werden. Die Zeitungen fordern zudem, die Herstellerfirmen schärfer zu kontrollieren.

Im benachbarten Chile sind die Menschen gesetzestreu, und so überlassen sie es, wie vorgeschrieben, den Pyrotechnikern, das neue Jahr mit Raketen zu begrüßen. Der Verkauf von Feuerwerk an Privatpersonen wird zwar bestraft, doch kleine Feuerwerkskörper wie Stäbchen, die Sterne spucken, oder Knallfrösche werden doch illegal angeboten. Die Polizei hat es inzwischen weitgehend aufgegeben, etwas dagegen zu unternehmen.

In Ecuador dagegen hält sich niemand an das bestehende Verkaufsverbot. Vor zwei Jahren explodierte eine illegale Feuerwerksfabrik, zwei Menschen starben und Hunderte wurden verletzt. Doch auch in diesem Jahr wird man böllern, was das Zeug hält.


1,2,viele , zuletzt bearbeitet: 17.Mar 2008